BRAUTLIED
Glieder bei Gliedern gelöst,
Schlaf in die Lider geflößt,
Herzen, die ruhiger pochen,
Und kein Wort mehr gesprochen,
Nur in befriedigter Brust
Eins noch des andern bewußt.
Lippen, die küßten sich wund,
Küßten die Herzen gesund,
Weg das Siechen und Sehnen,
Seufzer und Küsse und Tränen.
Liebe ward wieder ein Kind,
Schuldlos, wie Selige sind.
Horch, und die Glocke erscholl,
Mahnt, daß die Stunde nun voll.
Leicht wie Flaum ist das Leben,
Das sich der Liebe gegeben.
Sterne, o neiget den Blick
Auf ein vollkommnes Geschick!
Droben rudert ein Schwan
Milchweiß schimmernde Bahn,
Hell das Gefieder von Sternen,
Zieht er durch himmlische Fernen,
Rudert nach Traumland voraus,
Sucht der Glückseligen Hans.
Weile, du goldener Schwan.
Stunde, den Flügel halt an.
Über dem bräutlichen Dache
Leis beziehet die Wache.
Bleibt in der Sel'gen Revier –
Traumland und Glücksland sind hier.
Isolde Kurz (1853-1944)