Sonntag, 3. Juli 2016

Kalendergedicht, Sonntag, 3. Juli 2016





DER FLÜCHTLING

    Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch;
    Purpurisch zuckt durch düst'rer Tannen Ritzen
    Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch;
    In gold'nen Flammenblitzen
    Der Berge Wolkenspitzen.
    Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
    Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
    Die schon in lachender Wonne
    Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.

    Sei, Licht, mir gesegnet!
    Dein Strahlengruß regnet
    Erwärmend hernieder auf Anger und Au.
    Wie flittern die Wiesen,
    Wie silberfarb zittern
    Tausend Sonnen im perlenden Tau!
    In säuselnder Kühle
    Beginnen die Spiele
    Der jungen Natur.
    Die Zephyre kosen
    Und schmeicheln um Rosen,
    Und Düfte beströmen die lachende Flur.

    Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen!
    Laut wiehern und schnauben und knirschen und stampfen
    Die Rosse, die Farren;
    Die Wagen erknarren
    Ins ächzende Tal.
    Die Waldungen leben,
    Und Adler und Falken und Habichte schweben
    Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.
    Den Frieden zu Finden,
    Wohin soll ich wenden
    Am elenden Stab?
    Die lachende Erde
    Mit Jünglingsgebärde,
    Für mich nur ein Grab!

    Steig empor, o Morgenrot, und röte
    Mit purpurnem Kusse Hain und Feld!
    Säusle nieder, o Abendrot, und flöte
    In sanften Schlummer die tote Welt!
    Morgen, ach, du rötest
    Eine Totenflur;
    Ach! und du, o Abendrot! umflötest
    Meinen langen Schlummer nur.



Friedrich von Schiller (1759-1805)